Unser Leib- und Körpergedächtnis

Alte Erfahrungen prägen unser heutiges Verhalten

"Das Körpergedächtnis umfasst die Summe aller vergangenen körperlichen Erfahrungen, die im Gedächtnis gespeichert sind und unser Verhalten beeinflussen."
Esther Kühn, Neurobiologin.

Unser Körpergedächtnis strukturiert unbewusst einige frühere Erfahrungen mit unserem heutigen Verhalten

Vor kurzem stand ich im Hausflur vor meiner Wohnungstür, fast zu Hause. Ich wollte aufschließen, doch es gelang mir nicht. Ich stand vor einer verschlossenen Tür. Ich benutzte die Klingel, doch niemand reagierte. Nach dem zweiten Klingeln hörte ich Schritte und das Drehen des Schlüssels von innen. Ich atmete tief ein und war erleichtert. Obwohl die Situation weder bedrohlich war noch lange dauerte, spürte ich eine innere körperliche Anspannung. Mein Atem wurde flach, und ich fühlte Traurigkeit. Mein Verstand versuchte, die Situation zu erklären und mich zu beruhigen, doch mein Körper hatte bereits entschieden. Er steuerte die Reaktionen, die ich nicht kontrollieren konnte. Diese Gefühlsregungen fühlten sich an wie Reflexe aus einer anderen Zeit. In der folgenden Nacht schlief ich unruhig.

Meine Klienten beschreiben mir manchmal ähnliche Reaktionen. Ein körperlicher Schmerz nach einem Telefonat mit der Mutter. Eine plötzliche Unsicherheit, weil ein Blick eines Nachbarn als distanzlos empfunden wird, der ein körperliches Zittern erzeugt. Weitere körperliche Gefühle könnten auch Angst, Ärger, Ekel oder ein unerklärliches Unwohlsein sein. Oft nicht verständlich, dennoch real fühlbar.

Sind diese Erfahrungen gespeicherte Vergangenheit?

Diese Frage erhalten ich oft von meinen Klienten. Sie ist durchaus berechtigt. Sind unsere Gefühle in unserer Muskulatur, Haut oder in den Faszien, also in unserem Körper, gespeichert? Und wenn ja, lassen sie sich örtlich zuordnen?

Unser Leib- und Körpergedächtnis arbeitet schnell und ohne Worte. Es wirkt im Hintergrund und ist dennoch vollkommen zuverlässig. Viele unserer Alltagsroutinen entziehen sich dem bewussten Zugriff. Wenn wir schwimmen, Rad fahren, handwerklich oder sportlich unterwegs sind, ist es unser Körpergedächtnis, welches im Hintergrund wirkt. Wir können uns darauf verlassen. Unsere Fähigkeiten und Routinen sind gespeichert. Es ist nicht der Körper, der sich im engeren Sinne erinnert, sondern es sind neuronale Netzwerke im Gehirn, die bestimmte Bewegungsabläufe automatisieren und steuern.

Unser Leib- und Körpergedächtnis entsteht aus einem Lernprozess, der sich in Bewegungsmustern, in Stressreaktionen und in der Wahrnehmung unseres eigenen Körpers niederschlägt. Dieses Wissen spiegelt sich in unserem Tun, in unserer Haltung, in unserem Gewebe und unserer Koordination von dem allem. Deshalb sprechen wir von einer körperlichen Form der Erinnerung.

Innere und äußere Berührungen

Welche Erinnerungen gelangen ins Bewusstsein, sobald Menschen unseren Körper berühren? Bedeutsame, das heißt tröstende, liebevolle oder schmerzhafte Berührungen prägen sich tief in unser Körpergedächtnis ein. Selbst flüchtige, taktile Erfahrungen können dauerhafte Spuren hinterlassen, wenn unser Gehirn diese als bedeutsam erachtet. Entweder als Wohlgefühl, als Abwehr oder als ein unbestimmtes körperliches Echo, das sich erst zu einem späteren Zeitpunkt bemerkbar macht, zum Beispiel durch das Erleben von Nähe oder Abstand in einer Begegnung.

Diese körperlichen Marker wirken für uns wie innere Wegweiser. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio nannte diese Wegweiser somatische Marker. Für ihn sind dies körperliche Empfindungen, die mit früheren Emotionen verknüpft sind. Zum Beispiel ein reißender, ein rasender Herzschlag bei plötzlich auftauchenden Angstgefühlen oder ein flauer Magen vor einer Prüfung, ein Druck der Brust nach einem Gespräch oder die oben erwähnte Traurigkeit nach dem Erlebnis vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Solche Marker wirken wie innere Wegweiser. Sie beeinflussen unsere Entscheidungen und Reaktionen oft noch bevor ein bewusster Gedanke entsteht.

Erfahrungen von Nähe und Zurückweisung, Kontrolle und Kontrollverlust prägen sich besonders tief in unser Leibkörpergedächtnis ein. Entsprechend reagiert unser Körper, wenn ihn etwas an diese früheren Situationen erinnert. Selbst dann, wenn der Verstand keinen Zusammenhang erkennt.

“Wir glauben Erfahrungen zu machen,
doch Erfahrungen machen uns”.

Eugen Ionesco, Dramatiker

Unser Nervensystem sendet unentwegt Signale, zum Beispiel aus den körperlichen Bereichen unserer Muskulatur, den Faszien, der Haut oder unseren Bauchorganen direkt in unser Gehirn. All diese Informationen werden dort mit früheren Erfahrungen abgeglichen und aus diesem Abgleich entsteht eine Art innere Vorhersage darüber, was gleich passieren könnte und zugleich, wie wir darauf reagieren sollten.

Intensiv erfahrenen Erfahrungen können sich tief in uns einprägen

”Du siehst die Welt nicht wie sie ist,
sondern so, wie du bist”.
Anthony de Mello

Die Worte von Anthony de Mello drücken eine körperliche Wahrheit aus. Wir sehen unsere Umwelt als ein Ergebnis eines Abgleichs zwischen eingehenden Signalen, gesammelten Erfahrungen und den daraus abgeleiteten Erwartungen. Deshalb wird ein bestimmtes Erlebnis, ein Tonfall, ein Blick, eine Geste bei einer Person zum Beispiel als Einladung und bei einem anderen Menschen als Bedrohung wahrgenommen werden. Oder ein Geräusch, angenehm für jemand anderes als Warnsignal, eine tiefe Berührung als Wohlfühlschmerz oder als mögliche Grenzüberschreitung.

Unser Körper reagiert immer mit einem Gefühl. Für unseren Körper fühlt es sich an, als sei die Vergangenheit noch präsent. Wir sprechen deshalb von einem Leib und Körpergedächtnis, weil wir von einer Art verkörperter Erinnerung sprechen.

Unser Körpergedächtnis hilft uns dabei, täglich Gefahren auszuweichen oder Stimmungen anderer Menschen zu deuten oder uns situationsgerecht zu verhalten und zu bewegen. Und jederzeit sind wir dazu in der Lage, flexibel zu reagieren.

Wenn die Vergangenheit dominant bleibt

Problematisch ist es uns, sobald unser Leib- und Körpergedächtnis nicht mehr ausreichend an neue Erfahrungen angepasst wird. Das bedeutet, dass negative Erlebnisse und Wahrnehmungen aus der Vergangenheit dominant bleiben, obwohl sich unsere Lebensumstände schon längst verändert haben. Unser Körper reagiert jedoch so, als wäre das frühere Übel noch präsent. Das begegnet mir in der Praxis bei Menschen mit chronischen Schmerzen oder anderen Formen von überwältigenden Erfahrungen oder dauerhaften Stress.

Unser Gehirn interpretiert diese Körperzustände zum Beispiel als Schmerz. Es stuft zum Beispiel eine neutrale Situation als gefährlich ein, als potenziell gefährlich und lässt den Körper in erhöhter Alarmbereitschaft verharren. Körperlich drückt sich dies folgendermaßen aus: Muskeln spannen sich an, die Haut schwitzt, das Herz rast. Rein kognitive Beruhigungsversuche scheitern. Nur zu sagen oder zu hören, dass keine Gefahr besteht, spricht andere Bereiche im Kopf an als jene des Leib- und Körpergedächtnisses.

Wir benötigen neue körperliche Rückmeldungen, die das überholte Vorhersagenmodell korrigieren und Reaktionen nachhaltig verändern können.

Hier setzt die Rebalancing Körper und Komplementärtherapie an. Die neuen Berührungs und Körperwahrnehmungen unterstützen das Körpergedächtnis. Durch wiederholte sichere Körpererfahrungen lernt unser Leib- und Körpergedächtnis. Bisherige Alarmreaktionen werden als nicht mehr notwendig beachtet.

Rebalancing praktisch erlebt

Im Rebalancing betrachten wir den Körper und seine gegenwärtigen Wahrnehmungsfähigkeit als zentralen Zugang auf den Weg zur Heilung an. Diese Wahrnehmungen ermöglichen dem Leib- und Körpergedächtnis einen Perspektivwechsel. Ziel ist es, dem Nervensystem neue, korrigierende Rückmeldungen zu ermöglichen. Das verändert alles.

Das wichtigste Prinzip in diesem Prozess ist die sichere Annäherung.

Der Fokus liegt auf die gegenwärtige Empfindung. Im Rebalancing bedeutet dies, angenehm empfundene Berührungen, Langsamkeit, Förderung einer ruhigen Atmung, wohlige Lagerung und Temperatur. Diese einfachen Routinen vermitteln dem Gehirn eine entscheidende Botschaft. Im Hier und Jetzt besteht keine Gefahr. Das verändert alles.

Das Nervensystem lernt durch wiederkehrende Erfahrungen, nicht durch Einsicht. Rebalancing bedeutet zurück ins Gleichgewicht.

Praktisch erleben unsere Klientinnen das Innehalten, Verlangsamen und Wahrnehmen. Dies gilt es in den Alltag zu transferieren. Jede angenehme Erfahrung unterbricht die automatische Reaktion und ersetzt sie durch neue erfahrbare Wahrnehmungen. Im besten Fall gelangen unsere Körper aus einer Art Daueranspannung heraus.

Rebalancing ist eine ideale Körper- und Komplementärtherapie in der Behandlung von chronischen Schmerzen, traumatischen Erlebnissen oder jede Form von psychosomatischen Beschwerden. Das Potenzial des Körpergedächtnisses liegt in seiner Lernfähigkeit, in seiner Plastizität. Unser Leib- und Körpergedächtnis wird unser Schlüssel sein, um die Vergangenheit neu zu ordnen. Die Gegenwart wird dadurch zur Gegenwart. Das ändert alles.

Der Artikel entstand nach dem Lesen eines GEO Artikels von Rainer Harf im Februar 2026

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“Es gibt kein Heilmittel für die Liebe, außer mehr zu lieben”. Henry David Thoreau

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Die Bedeutung von Berührung und Wahrnehmung im Rebalancing