Die Bedeutung von Berührung und Wahrnehmung im Rebalancing

Vor neun Monaten durften wir dreißigjähriges Schulbestehen feiern. Als Geburtstagsgast lud ich meinen damaligen Lehrer und Rebalancing Mitbegründer Rocky George James ein. Wir durften dann zusammen in drei Wochen viele Menschen in den Seminaren und Ausbildungsgruppen mit unseren Händen, Worten und Herzen berühren.

Diese Seminare führten uns einerseits zurück zum Ursprung der Rebalancing Methode, und zugleich berührten diese gemeinsamen Tage ein großes Thema in der aktuellen Faszienforschung: Wahrnehmen durch Berührung.

Faszien

Die Faszienforschung schreibt unserem Bindegewebsnetzwerk eine wesentlich aktivere Bedeutung für unsere Fähigkeit wahr-zu-nehmen zu, als zuvor angenommen. Faszien können fest werden, unabhängig von muskulärer Aktivität. Faszien können ihre Steifigkeit unabhängig von muskulärer Aktivität verändern. Sie haben die Aufgabe der Schmerzwahrnehmung und sie sind zugleich unser reichhaltigstes Sinnesorgan für unsere Körperwahrnehmung. Das autonome Nervensystem und emotionale Prozesse stellen eine komplexe Verbindung dar, was sich in der Praxis in unseren Gliedern bemerkbar macht.

Wahr-Nehmen

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Anspannung, Verspannung und Schmerzen ihre Wahrnehmung be- und verhindert. Die moderne Lebensweise, geprägt von Bewegungsmangel, ungünstigen Haltungen, Ernährung, Umweltfaktoren und psychischen Belastungen, trägt oft zur Entstehung von An- und Verspannung bei, bis hin zu Schmerzerleben.

Schon nach den ersten faszialen Rebalancing - Berührungen erfahren Menschen, wie ihre Sehnsucht des (wieder) wahrnehmens erweckt wird. Die gute Nachricht: Für uns Menschen ist es wieder erlernbar, durchlässig und empfänglich zu werden. Oder besser, es ist verlernbar undurchlässig zu sein, denn wir kommen als ganze Menschen auf die Welt. Solange wir leben, sind wir ganz. Wir sind empfänglich und dürfen lernen, unsere KörperSeeleGeist Einheit wahrnehmen.

Im Gleichgewicht

Re-Balancing bedeutet, Menschen darin zu unterstützen, dass sie wieder zurück ins Gleichgewicht kommen. Ein Gleichgewicht von Körper, Seele und Geist. Langsame, achtsame, tiefe und liebevolle Berührungen kreieren Wahrnehmung für jeden Menschen. Rebalancing-Berührungen fördern das Bewusstsein von Verbundenheit. Unsere Realität ist, dass wir ganz und verbunden sind mit jedem Lebewesen auf dieser Erde. Jeder Mensch, jedes Tier, jede Pflanze, die am Leben sind, sind ganz und verbunden miteinander.

Berührungen fördern Eigenwahrnehmung

Rebalancing-Faszien-Berührungen

Jeder Mensch kann in sich hineinhorchen und ein Gewahr-Sein für seinen eigenen Körper entwickeln, um etwas über seinen inneren (und äußeren) Seins-Zustand zu erfahren. Wahrnehmung findet im Rebalancing innerhalb unseres Organismus statt. Denn unsere Sinneszellen, unsere vielen Rezeptoren & Nervenenden befinden sich im Fasziengewebe.

Rebalancing Faszien Berührungen fördern die Eigenwahrnehmung. Sie fördern einen umfassenden Körpersinn, der sinnvollerweise und notwendigerweise überall in unseren Körper verteilt ist und nicht ein spezifisches Organ ist. Die Faszie ist weder eine leblose Hülle noch irgendein Heilmittel. Sie ist ein dynamisches Netzwerk, in das alle weiteren Körperbestandteile eingewebt sind und über das wir großen Einfluss auf unsere Gesundheit nehmen können.


Verbundenheit

Jeder Mensch erfährt am Beginn seines Lebens zwei Grunderfahrungen;
1. Die Erfahrung von Verbunden Sein, von Nähe und Zugehörigkeit sowie
2. Die zweite Erfahrung von Wachstum, über sich hinauszuwachsen.

Viele Menschen beginnen mithilfe von achtsamen Berührungen Durchlässigkeit und Empfänglichkeit am eigenen Leib. Denn wir kommen als ganze Wesen auf die Welt und solange wir leben, sind wir ganz, auch in unseren Bedürfnis nach Verbundenheit und (Weiter-)Entwicklung. Wir sind empfänglich und dürfen wieder lernen, uns und die Welt wahrzunehmen.

Wenn wir Menschen berühren, wenn wir ihr Gewebe, die Haut, die Faszie, die Muskulatur berühren, dann berühren wir im gewissen Sinne die Identität dieses Menschen als Mensch. Berührung gehört zu den grundlegendsten Elementen der menschlichen Entwicklung. Unser Tastsinn entwickelt sich als erster aller Sinne. Berührung lässt uns erfahren, dass jegliches Leben zueinander in Beziehung steht.

Berührung

Berührung wird emotional erfahren. Es lässt sich nicht vorhersagen, wie ein Mensch auf achtsame und tiefe Berührung reagiert. Berührung ist ein Dialog, der ausschließlich im Augenblick, im Jetzt, stattfindet. Berührung hat sehr viel damit zu tun, mit welcher Intention Menschen berührt werden; mit welcher Achtsamkeit, Tiefe & Verbundenheit.

Berührung kreiert einen bewussten Kontakt mit ihrem Körper, mit den Lebens-Erfahrungen ihres Körpers. Der Dramatiker Eugen Ionesco betonte:

„Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.“

Jede intensive erlebte Erfahrung gestaltet uns. Sie gestalten unseren Körper, unsere Seele, unseren Geist. Deswegen berühren sprechen wir im Rebalancing davon, Menschen zu berühren, mit all ihrer Vergangenheit, mit allem, was sie, also ihre KörperSeeleGeist Einheit gestaltet hat.

Erfahrungen gestalten uns

Menschen wird im Rebalancing bewusst, dass sie ihr Körper sind. Ohne einer bewussten Körperwahrnehmung erleben sie sich deutlich weniger. Im gewissen Sinne haben sie ohne eine Körperwahrnehmung deutliche Schwierigkeiten sich selbst und ihre Gefühle wahrzunehmen.
Berührungen fördern die Wahrnehmung, das und wie ihr Körper kommuniziert. Die Berührungen fördert den Kontakt mit ihrem Innen-Erleben. Ihr individuell Eigenes wird wieder - entdeckt. Denn jedes Innere ist über die Haut mit dem Außen verbunden. Und das Außen ist über die Haut mit dem Innen verbunden.

Körperlesen oder Körperfühlen

Wenn wir Menschen anschauen, dann sehen und empfinden wir von diesem Menschen wesentlich Erlebtes, Erfahrenes, Erfühltes, Erlittenes. Diese Erfahrungen dieses Körpers nutzen wir, um etwas von dieser Person zu erfahren. Wir nennen es im Rebalancing Körperlesen bzw. Körperspüren. Uns interessiert jeder Mensch in seiner Einmaligkeit und in seinen Potenzialen zu erkennen. Das Körperspüren hilft dem Menschen zugleich, ein Bewusstsein zu entwickeln, wie er gerade im Leben steht und wie es vielleicht leichter sein könnte.

Es überrascht jeden Menschen wieder und wieder, dass der Körper eine Bühne der Gefühle oder des Lebens darstellt.

Unsere sinnvolle Basis jeglicher Gehirnaktivität ist die Wahrnehmung. Unser Gehirn verarbeitet Informationen von innen und außen. Das bedeutet, dass ein Kommunikations- und Verbindungsnetz, der Faszien existiert. Dieses Binde-Gewebe ist zugleich ein selbstorganisierendes System. Die Faszien kommunizieren innerhalb ihrer selbst; ohne Umwege über das Gehirn. Verbindung, Bezogenheit und Kommunikation sind von Bedeutung. Alle Organe unseres Körpers kommunizieren miteinander.

Wissen ist der Trostpreis.

Wissen kann mich darin unterstützen, gut und achtsam zu berühren. Die Faszie als unser reichhaltigstes Sinnesorgan bietet mir Unterstützung in meinem Berührungen. Denn die Faszie ist wesentlich für unsere Innenwahrnehmung. Sie besitzt den vielleicht größten Einfluss für unser Körperbild und ebenso für unsere emotionalen Wahrnehmungen.

Liebe heilt

Begegnung

Begegnung in der Berührung ist wesentlich. Begegnung beinhaltet Bezogenheit. In einer Begegnung kommt die andere Person im Unterschied zu einer reinen Bezogenheit auch vor. Menschen verschmilzen nicht ineinander, sondern sie begegnen sich auf eine befruchtende Weise. Und aus dieser Begegnung entsteht dann eine Ordnung. Aus der Begegnung entsteht ein Überschuss an Kraft, an Aufrichtung, an Inspiration.

Love works

Viktor Frankl spricht von zwei Dingen, die unserem Leben wirklich Sinn verleihen. Das eine ist die Liebe, das andere ist die Arbeit. Aber eben beides. Und deswegen gilt das Prinzip: "Love works".

Das Wesen der Liebe, Werke hervorzubringen. Es gibt keine Liebe, die nur im Gedanken stattfindet. Liebe handelt. Wenn Berührungen dem Herzen entspringen, wird etwas geschehen, was heilsam wirkt.

Lernen, wieder und wieder

Die größte Herausforderung für meinen Berührungsalltag ist es, meine Denkweise in Bezug auf Anatomie und auf das autonome Nervensystem zu verändern. Die Wichtigkeit des Netzes und der Kontinuität ist bedeutsam.
Die Faszie existiert als eine totale Kontinuität, die unseren Körper ausmacht. Es handelt sich um eine strukturierte Kontinuität. Es ist ein Netzwerk.

Wir sind nicht aus Schichten aufgebaut. Wir sind eine Kontinuität. In meinen Berührungs - Bewusstsein können mir die Gewebestrukturen (Haut, Fettgewebe; Faszie; Knochen) als Schichten erscheinen. Doch das ist eine Illusion. In der faszialen Wirklichkeit handelt es sich um eine ununterbrochene, kontinuierliche Verbindung
Daher verwenden wir das Wort Schichten ausschließlich, um Auszubildenden kurzfristig mithilfe dieser Illusion ihre Vorstellungen zu erleichtern. Doch für mich ist es von Bedeutung, ebenso für meine Berührungsqualität, zu verstehen, dass es im menschlichen Körper keine Schichten gibt, sondern nur Kontinuität.


Same same, but different

Vielleicht ist die folgende Analogie hilfreich. Wenn wir vor dem Atlantischen Ozean stehen, dem Pazifischen Ozean, dem Mittelmeer, dem Schwarzen Meer, dann können wir davon sprechen, dass sie alle unterschiedlich sind. Tatsächlich, handelt es sich um dasselbe Wasser. Die Meere können unterschiedlich sein, doch es ist überall dasselbe Wasser. Ebenso betrachten wir unser Fasziennetzwerk. Die Lendenfaszie, die Fußfaszie, die Halsfaszie. Es ist nützlich, im Unterricht von unterschiedlichen Orten zu sprechen, doch es ist dieselbe Faszie überall.

Das Erleben von Berührung zerstört die Illusion der Trennung von Körper, Seele und Geist.

Kommunikation

Die Faszie ist ein selbstorganisierendes System. Sie kommuniziert im Körper zwischen den kleinsten Einheiten unseres Körpers, den Zellen. Wenn wir der Fähigkeit unseres Körpers, sich intelligent zu organisieren, nicht vertrauen, dann könnten wir (unbewusst) meinen, die stabilisierenden Funktionen der Faszien durch Anspannen der äußeren Muskulatur ersetzen zu müssen. Stress, Anspannung und Bewegungsmangel lassen die Faszien verfilzen und verhärten, woraufhin die Muskeln noch mehr ihre Arbeit übernehmen, weil der Körper außer Balance gerät. Ein Teufelskreis der Verkrampfung und Versteifung unseres Fasziensystems. Erinnere Dich. Dies mindert unsere Wahrnehmungsfähigkeit.


In einer neugierigen und forschenden Körpererfahrung erwächst ein ganzheitliches Ich- und Weltempfinden. Wir sind Körper. Alles Denken beruht auf Wahrnehmung. Verkörperung findet so gesehen seit dem Moment unserer Zeugung statt.

Das Erleben von Berührung zerstört die Illusion der Trennung von Körper, Seele und Geist. Es vertieft unsere Fähigkeit zur Wahrnehmung. Es lässt uns Menschen unsere Lebendigsein erfahren. Dieses Körperwissen ist schon immer in uns. Wir sind getragen, gehalten und das können wir spüren, indem wir uns anvertrauen.

Körper-Spiritualität

Selbstregulierung darf geschehen, sobald ich mich jeder kleinen An- oder (großen) Verspannung zuwende. Ich schenke meinem Innenraum Aufmerksamkeit und dadurch entlädt sich Anspannung, von der ich oft gar nichts mitbekommen habe. Ich merke, wie ich wacher und präsenter werde. Meine Zellen beginnen sich auszudehnen. Sie lauschen. Sie werden weiter und ich mit ihnen, denn ich bestehe ja aus ihnen. Ich bin Teil von etwas Größerem.

Die Welt, die ich als das Außen erlebe, bietet sich mir in der ganzen Fülle an, damit ich mich selbst in meiner Vielschichtigkeit erkenne.

Wahrnehmen findet jetzt statt.
Es ist an genau diesen Moment gekoppelt
und das Gegenteil von Verallgemeinern.
Wenn ich das Potenzial des Jetzt ernst nehme,
kann Wandel geschehen.
Es ist ein Anders werden,
das mein Sein wahrnehmend würdigt.
Das ist zutiefst regenerativ.

Werde der Du bist

So kann sich Zukünftiges entfalten,
das im Gegenwärtigen wurzelt,
weil es dort beginnt, wo wir sind.
Hier und Jetzt.
Mit meinen Wunden und Sehnsüchten,
mit meiner Kompetenz und meinen Mängeln.

Das ist die Art und Weise, wie ich nichts überspringe,
auch nicht meine Sehnsucht nach dem Anders-Werden.

Das ist zutiefst heilend.

Bernd Scharwies

Werde der Du bist

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Verbunden Sein